Editorial

Rückzugsorte jenseits der Unruhen des Alltags, mystische Orte der Stille und Inspiration, künstliche Blasen fernab der Realität — mit Orten dieser Art beschäftigen sich die Beiträge dieser Ausgabe. Eine Vielzahl an Autoren und Künstlern lässt uns Blicke in geheime Gärten, verlassene Touristenhochburgen und neuartige Community-Parkanlagen werfen. Wir begeben uns mit Guy Schibler auf das stillgelegte Flugfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof, wo das lyrische Ich den Ausbesserungslinien der asphaltierten Start-und Landebahnen nachläuft und in direkter Nachbarschaft Freunde des Urban Gardenings die Grünflächen in Gemüsebeete umfunktionieren. Selina Guhl geht in ihrem Text genau diesem Phänomen nach, welches nicht nur die Landwirtschaft zurück in die Stadt holt, sondern auch viele andere Fragen nach dem gemeinschaftlichen Zusammenleben in der Stadt stellt. Kilian Jost lenkt in seinem Bericht den Blick auf eine weitere, oft vernachlässigte Dimension des Phänomens Garten — die akustische — und ergründet die Geschichte der klanglichen Inszenierungen des Lustgartens. Eingebettet zwischen den wissenschaftlichen Texten finden sich zahlreiche lyrische und künstlerische Naherholungsgebiete; so stellt etwa Dmitrij Gawrisch «15 Thesen zur Brache» auf und Gabriela Frei lässt uns an den Erinnerungen ihres Kindheitsgartens teilhaben. Sabine Hertig bringt das Thema Oasen optisch auf den Punkt. Sie fügt in ihren Collagen verschiedenartige Bildfragmente zusammen, die den Betrachter zugleich irritieren und faszinieren. Er wird entführt in eine Welt, die ähnlich paradox anmutet wie eine Fatamorgana in der Wüste.


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Call for Papers Oasen





Fotografie von Katka Räber-Schneider




Bilder der Erinnerung und des Gedächtnisses als Ort der Oase?

Sayumi ist eine junge Künstlerin aus Japan. In Tokyo feierte sie erste wichtige Erfolge, 2008 erhielt sie zwei Preise. Sie arbeitete in der Villa Sträuli in Winterthur während eines Stipendiums als "Artist In Residence", danach absolvierte sie die Aufnahmeprüfung für die Hochschule der Künste in Zürich, wo sie nun studiert.

R:
Hast du dich schon als Kind für die Kunst interessiert? Wann hast du mit dem Malen angefangen?

Sayumi:
Nein, in meiner Kindheit hat mich die Kunst nicht interessiert. Ich warf mein Bild weg, nachdem ich einen Klassenkameraden der Grundschule abgezeichnet hatte. Als ich vierzehn Jahre alt war, habe ich angefangen, Bilder in Öl zu malen.

R:
Was war deine Motivation, mit Öl zu malen? Haben deine Eltern dir Farben geschenkt oder hast du sie mit deinem Taschengeld gekauft?

Sayumi:
Als ich zehn Jahre alt war, wurde mein Aquarellbild eines Schuhs gelobt, das gab mir Selbstvertrauen. Und als ich die Mittelschule besuchte, nahm ich an einem „Klub der Kunst“ teil. Dort habe ich mein erstes Gemälde gemalt. Ich dachte, das ist höchst interessant. Dann schenkten meine Eltern mir zum 15. Geburtstag eine Garnitur für Ölgemälde. Das war toll.

R:
Du hast schon in jungen Jahren in Tokio erfolgreiche Ausstellungen gehabt. Wie bist du dazu gekommen, dass du ausstellen konntest?

Sayumi:
2004 veranstaltete ich meine erste Gruppenausstellung in Tokio. Bevor ich in Tokio die Universität der Künste besuchte, hatte ich diese Ausstellung selbst organisiert. 2008 erhielt ich zwei Grand Prix, danach organisierten die Museen und die Galerien meine Ausstellungen.

R:
2008 hast du zwei dieser grossen Preise bekommen. Weshalb bist du in die Schweiz gekommen? Und weshalb besuchst du die Hochschule der Künste?

Sayumi:
2011 konnte ich als "Artist in Residence" in der Villa Sträuli arbeiten. Nachdem diese Zeit zu Ende gegangen war, wollte ich noch mehr Bilder in der Schweiz malen. Ich habe mich davon überzeugt, dass mein Bild sich verändern kann. Ich habe die Aufnahmeprüfung an der Zürcher Hochschule der Künste gemacht, weil ich die Kunst unter einem westlichen Aspekt lernen möchte.

R:
Kannst du einen Unterschied von deinem jetztigen Malen zu vorher feststellen? Hat dich deine Ausbildung in Zürich schon jetzt, nach relativ kurzer Zeit, beeinflusst?

Sayumi:
Vorher malte ich meine Bilder mit starken Farben. Jetzt male ich mit eher blassen Farben, weil ich subtile Bilder malen möchte. Neuerdings lese ich gern philosophische Bücher. Ich glaube, die Philosophie gibt mir einen Hinweis für die Malerei.

R:
Philosophie – das finde ich sehr interessant! Mit wem beschäftigst du dich gerade?

Sayumi:
Ich lese ein Buch von Henri Bergson: Matière et Mémoire. Ich interessiere mich für das Gedächtnis und die Erinnerung.

R:
Gedächtnis und Erinnerung - das ist ein spannendes Thema, das die ganze Menschheit betrifft, bis in die Urzeit zurück… kannst du den Entstehungsprozess eines Bildes mit dieser Thematik beschreiben?

Sayumi:
Das ist mein Konzept: Ich male das, was ich tatsächlich gesehen habe, was danach auf meinen Augen gespeichert, durch die Sehnerven zum Gehirn übertragen und schließlich in Gedächtnis transformiert wurde. Das ist sozusagen die Innenwelt, die hinter dem Filter meines Selbst existiert. In dieser formt sich das Gesehene wie eine Landschaft um und rekonstruiert sich in mir. Bildlich ausgedrückt ist es so, als ob sich alles als eine neue Vision entfalten würde, um sich im Gedächtnis zu verankern.

Angenommen, eine Anzahl von Menschen macht die gleiche Erfahrung. Alle sehen das gleiche, aber wenn es in das Gedächtnis umgesetzt wird, wird unbewusst ausgeschlossen, was einen nicht interessiert, und nur das, was einen beeindruckt, bleibt als Erinnerung bestehen.
Selbst in einem persönlichen Gedächtnis verändern sich die zugehörigen Erinnerungen ständig, wobei man sich wiederholt daran erinnert und nur das Essenzielle herausarbeitet. Die Form des Gedächtnisses wird veränderlich, wenn man seine Emotion und Zeitempfindung dazu addiert.

Ich begreife das Gedächtnis als so etwas wie eine Wasserspiegelung. In den Schaumblasen auf der Flussoberfläche beispielsweise spiegelt sich die Landschaft. In dem Augenblick, in welchem die Schaumblasen die Landschaft in sich aufnehmen, verschwinden sie auf einmal. Die Landschaft löst sich im Wasser auf und staut sich auf dem Flussboden. Die Schichten vermehren sich, und das alte Gedächtnis versinkt immer tiefer in den niedrigeren Schichten, sodass es nicht mehr einfach weg fliesst. Das neue Gedächtnis hingegen liegt auf der oberen Schicht, wodurch es leicht weitergetrieben wird und vergeht.
Kurzum ist das alte Gedächtnis nicht leicht zu vergessen, da man sich wiederholt daran erinnert, während das neue Gedächtnis wegen des mangelnden Bedürfnisses leicht vergessen werden kann.

R:
Das hast du wunderbar ausgedrückt. Möchtest du zum Schluss noch etwas sagen, was die LeserInnen interessieren könnte – zum Beispiel, wann deine nächste Ausstellung zu sehen sein wird? Hast du schon einen Plan, wenn du die Ausbildung an der Hochschule für Künste fertig gemacht hast? Kannst du dir vorstellen, in Zürich zu leben und zu arbeiten?

Sayumi:
Derzeit organisiere ich zwei Gruppenausstellungen in der Schweiz und in Japan, die 2015 und 2016 stattfinden sollen. Zudem arbeite ich an einem Blog über den Austausch zwischen Japan und der Schweiz, alles wird auf meiner Homepage bekannt gegeben.

Wenn ich den Abschluss an der Hochschule für Künste gemacht habe, werde ich eine Stelle in der Schweiz suchen. Ich hoffe für die Zukunft, dass ich in Zürich leben und arbeiten kann.


Weitere Informationen zur Künstlerin und ihrem Werk:
http://sayumi-spiegelbilder.jimdo.com/

Das Gespräch führte Ruth Loosli.