Editorial

Déjà-vu – "etwas zweinmal erleben" – tritt im Schnitt einmal pro Jahr auf und dauert dreissig Sekunden an. Wir fühlen die Gewissheit, etwas schon gesehen zu haben, so gehört zu haben – déjà-entendu – oder bereits erlebt zu haben – déjà-vécu – wissen aber paradoxerweise gleichzeitig um dessen Täuschung. Der Neurologe Vernon Neppe vom Pacific Neuropsychiatric Institute in Seattle kennt nicht nur drei, sondern 27 Varianten des Déjà-vu-Erlebens und leitet daraus vier mögliche Vorkommensweisen ab: gewöhnliche, epileptische, psychotische und paranormale.
Denn Wissenschaftler sind sich nicht einig darüber, was ein "Déjà-vu" genau ist – und deshalb wird in allen Lagern spekuliert: Sind es bestimmte Hirnwindungen, die spontan ein Vertrautheitsgefühl auslösen, weil der "Hippocampus" einen Sinneseindruck falsch einordnet? Haben sich Paralleluniversen für einige Sekunden überkreuzt? Ist es die Erinnerung an ein bereits vergangenes Leben, oder ein Symptom für prophezeiende Fähigkeiten? Fakt ist: Das zweinmalige Erleben kommt bei 98 Prozent der Männer und Frauen vor, die Anzahl der erlebten Déjà-vus steigt mit zunehmendem Einkommen und hängt zudem von der Fähigkeit ab, sich an Geträumtes zu erinnern.
Da sich dieses Phänomen zwischen Realität und Phantastik befindet, ist es seit über 200 Jahren ein beliebtes Motiv in der Kunst. Wir widmen uns dem zweinmaligen individuellen und kollektiven Erleben. Dem Déjà-vu in der Literatur, als Intertextualität oder hermeneutischer Zirkel; dem Déjà-vécu als repetitive Steigerung in der Kunst, oder als verborgene Hommage in der Architektur sowie Musik. Denn – das zweinmalige Erleben ist so individuell wie der Mensch selbst.

Corinne Germann/Redaktion


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Call for Papers zweinmal


Aus dem Inhalt:

Repeated Suicide
Welche Auswirkungen hat der Schrecken in der Repetition? Wenn Andy Warhol in seiner Disasters-Serie 35 mal das Bild einer Frau zeigt, die noch lebend, aber bereits im Sprung zum Tode ist: Stumpft uns diese Wiederholung ab, oder ist es umso angsteinflössender, diese Einmaligkeit vervielfältigt zu sehen? Dr. Tobias Lander entrollt den marginalen Schrecken bei Warhol und Ernst Jünger aus verschiedenen Perspektiven.

A Memory of the Serpentine Pavilion, 2012
Der Londoner Dozent und Architekt Tim Gough zeigt den Zusammenhang zwischen Prousts Du Côté de Chez Swann und Bauten von Stararchitekten Herzog und de Meuron auf. Sie entwarfen mit Ai Weiwei den Serpentine Pavilion 2012 – ein Werk in Erinnerung an elf andere Pavillions, und gleichzeitig ein völlig eigenständiges Bauwerk.

La réproduction d‘une oeuvre „déjà-vue“
Wie die totalitäre, rigorose Seite des politischen Systems in China plastisch dargestellt werden kann, zeigt uns Dr. Shiyan Li mit einem Exposée über Cai Guo-Qiangs Werke. Mit dem Reenactment Venice‘s Rent Collection Courtyard gewann der chinesische Künstler unter anderem an der 48. Biennale in Venedig einen goldenen Löwen.

Strange Fruits
Appropriation Art ist das Stilmittel von Rosângelo Rennó. Die brasilianische Künstlerin macht sich die Aneignungskunst zu Nutze, um Brasilien vor dem Vergessen zu bewahren. Ihre Arbeiten thematisieren verschiedene Zustände der jeweiligen Jetztzeit und decken unter den Teppich Gekehrtes auf.

u.v.m.