Editorial

Mit der Frage nach dem Begriff und dem Gegenstand der Uniform eröffnet sich ein weites, spannungsreiches Feld. Er impliziert Einheitlichkeit auf der inhaltlichen oder formalen Ebene und bezeichnet ein standardisiertes, normiertes, häufig mit einer gewissen Rolle oder Funktion verbundenes Kleidungsstück. Uniformen ermöglichen es, sich selbst und andere in der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu erkennen. Ein Umstand, der immer auch die Anpassung des Einzelnen fordert. Mit militärischen Uniformen verbinden sich weitreichende Assoziationen und Erinnerungen an Kampf, Krieg, sowie eine Form von Disziplinierung, die des Stumpfsinnes nicht entbehrt.
Auf einer weiteren Ebene stellten wir uns der Frage nach der Uniformität von Prozessen. Wie steht es um die Bedingungen, unter denen heute Kultur entsteht? Ist es so, dass sich die Prozesse innerhalb des Kultur’betriebs‘ zunehmend denjenigen der Wirtschaft angleichen? Imitiert die Dienstleistungsgesellschaft ihrerseits die Strukturen der Kreativwirtschaft? Die Kunstschaffenden jedenfalls sind den Regeln des Arbeitsmarkts genauso ausgesetzt wie andere Berufstätige. Höchste Zeit also, dass die kreativ Tätigen ihre Rolle im System selbst definieren, wie eine unserer Autorinnen anregt.
Ausser Zweifel steht, dass die Kunstpraxis schon länger individuelle Formen der Serialität nutzt, wie sie sich zum Beispiel in Verfahren von KünstlerInnen wie Andrea Zittel zeigen. Allgemein fällt auf, dass das Individuum, welches die Uniform trägt oder an gesellschaftlichen Prozessen teilhat, heute nicht mehr ausgeblendet werden kann.
Damit hat die Uniform einen Teil ihres distanzierenden und disziplinierenden Charakters abgelegt. Wer sie trägt, behält seine Individualität sowie die Verantwortung für sein Tun – was den Aussenstehenden wiederum den Blick hinter die Fassade sowie eine kritische Grundhaltung gegenüber den Uniformierten ermöglicht.

Jasmin Gadola/Redaktion


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Call for Papers UNIFORM


Aus dem Inhalt:

Hinter der Uniform
Während früher heroisierende Darstellungen von Uniformierten dominierten, in romantischem Dekor des Studios und mit in die Ferne schweifendem Blick, werden Soldaten in der zeitgenössischen Fotografie häufig in ihrer realen Umgebung, mit direktem Blick in die Kamera und kampfbereit gezeigt. Eine Schlüsselfunktion nimmt dabei nach wie vor die Uniform ein. Wie sich der Wandel in der Darstellung beim Betrachten der Bilder auswirkt, verdeutlicht Mandy Gnägi in ihrem Beitrag Hinter der Uniform.

Auf unseren Gästeseiten
Hat sich Picasso als Torero verkleidet, um sich fotografieren zu lassen, oder hat er lediglich eingewilligt, sich in diesem Kostüm fotografieren zu lassen? Diese und weitere Fragen stellt Peter K. Wehrlis Katalog der karnevalesken und der andern Lustbarkeiten. Die neunzehn Nummern aus dem stetig wachsenden Katalog von Allem widmen sich dem Terrain zwischen Karneval und grauem Alltag, Verkleidung und Uniformierung, Verwechslung und plötzlichem Erkennen. Die knapp gefassten Sätze lassen tief blicken und zeugen von der Komplexität einer Wahrhaftigkeit, die häufig im Detail steckt und manchmal mit erschütternden Einsichten verbunden ist.

Uniform und Mode
Zwischen Trend und Gegenbewegung: Im Modedesign wird Individualismus grossgeschrieben. Dennoch entstehen Trends immer auch durch Nachahmung von etwas Bestehendem. Zudem orientiert sich Mode direkt an verschiedenen Arten von Uniformen. Wie Elemente des Gleichen zur Inspiration für das Andere werden, erklärt die Designerin Bitten Stetter im Interview mit Bénédicte Gross.

u.v.m.