Editorial

Bei der Themenwahl für die erste Ausgabe von Bozzetto gingen wir von der Überlegung aus, dass der städtische Raum Kunstschaffenden in besonderer Weise als Inspirationsquelle für ihr Schaffen dient. Künstlerische Praktiken wiederum prägen das Bild jeder Stadt. Grundsätzlich weisen Orte und Plätze eine über das Räumliche hinausgehende Dimension auf.

Erwähnenswert ist zuallererst die zeitliche Komponente, die Geschichte, welche die Städte mitgestaltet hat und sich ihnen weiter auf- oder einprägt. In städteplanerischen Utopien der Vergangenheit wurden architektonische Konzepte zudem mit soziologischen Theorien und Vorstellungen über die Kultur und Werte der Menschen in Verbindung gebracht, die sie bewohnen sollten. Diese Visionen sind häufig nur als Pläne oder Modelle erhalten geblieben, dennoch haben sie die planerische Praxis beeinflusst, wie Claudia Wrumnig im Beitrag Urban Fiction betont. Die Erfahrung des städtischen Raumes durch die sich in ihm aufhaltenden Individuen scheint heute gegenüber den grossen Konzepten und Modellstädten an Bedeutung gewonnen zu haben. Aber auch letztere gibt es immer noch; so beschreibt Birk Weiberg, wie in Kasachstan eine Vision umgesetzt wird, die der Hauptstadt ein gänzlich neues Gesicht geben soll. An anderen Schauplätzen stellen Autorinnen und Autoren eine veränderte Herstellungs-, Funktions- und Wirkungsweise von Kunst im öffentlichen Raum fest. Die von ihnen besprochenen Werke besitzen häufig einen temporären Charakter und/oder weisen performative Elemente auf. Oft ungebeten, bewegen sie sich auf die Passanten zu oder wollen von diesen beim Gehen entdeckt und gefunden werden. Gesellschaftliche Umbrüche – welche sich gerade in der heutigen Zeit in Standortwechseln von ortsansässigen Unternehmen und der in mobilen oder prekären Verhältnissen lebenden Bevölkerung niederschlagen – können über die Beobachtung der Quartiersentwicklung mitverfolgt und nachgezeichnet werden, wie dies bei Ioanna Angelidou am Beispiel Tokyo geschieht. Gerade Gebäude und Orte, die nicht mehr da sind oder im Verschwinden begriffen, sind dabei verstärkt miteinzubeziehen.

Jasmin Gadola/Redaktion


Bozzetto 01: ausverkauft

Call for Papers Stadt(t)räume


Aus dem Inhalt:

Ein Masterplan für Astana
Kasachstan erhielt nach seiner Unabhängigkeit eine neue Hauptstadt. Und diese einen vom Präsidenten persönlich orchestrierten Masterplan zu ihrer Um- und Neugestaltung. Minutiös geplant und mit grossem Ehrgeiz aus dem Boden gestampft, erscheint die Metropole gar in zweifacher Ausführung – als Modell und als Original. Anhand zweier repräsentativer Gebäude der Stadt beschreibt Birk Weiberg unter Einbezug der westlichen Wahrnehmung und Positionen der architektonischen Postmoderne den Triumph von Astana.

Levittown, Disappearing City
Während im Europa der 1930er Jahre die Städte nach amerikanischem Beispiel in die Vertikale wachsen sollten, besann sich Frank Lloyd Wright auf die ländlichen Ursprünge der Siedler und das Grundrecht auf Wohneigentum. In seiner Utopie der Disappearing City sollte es keine urbanen Zentren und Ballungsräume mehr geben. Levittown PA ist eine der amerikanischen Städte, welche stark an dieses Ideal anlehnen. Ein Augenschein von Fabian G. Diem.

Auf unserer Gästeseite
Grau, hart und lebendig: Die Stadt ist standhafte Leinwand für das Werk, mit dem sie sich schmückt. Längst konnten sich Graffiti und andere künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum vom negativ geprägten Bild der willkürlichen Schmiererei und des Vandalismus lösen. Durch ihren Standort im urbanen Gelände stellt die Urban Art eine Verknüpfung von Kunst und Alltag her. Den speziellen Bedingungen ihrer Produktion und Wirkung und der Faszination des Stadtraumes als Kunstraum trägt der Text Ästhetische Anschläge von Rémi Jaccard Rechnung.

u.v.m.